Offener Brief an den Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen Dr. med. Klaus Heckemann

Sehr geehrter Herr Heckemann,

unsere Generation steht vor gewaltigen Herausforderungen. Können wir die Folgen des Klimawandels noch abmildern? Gelingt uns eine rechtzeitige Anpassung? Wie meistern wir die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine? Sind wir ausreichend vorbereitet, falls weitere Menschen Zuflucht bei uns suchen und unsere Hilfe benötigen? Werden wir genügend Energie einsparen, damit sich der Motor unseres Landes auch im kommenden Jahr weiterdreht?

Auch wenn die Sorgen und Nöte im Vergleich zur leidenden ukrainischen Bevölkerung geradezu winzig erscheinen, sind es doch existentielle Fragen, welche die Menschen in unserem Land zurzeit bewegen. Uns als Leistungsträger in der kassenärztlichen Versorgung treiben diese Probleme gleichermaßen um. Werden wir doch die Konsequenzen direkt zu spüren bekommen. So liegt es nicht zuletzt in der Verantwortung von Institutionen, sich diesen Fragen zu stellen und Antworten zu finden.

Insofern hätte sich ein mutmachender, lösungsorientierter und zuversichtlicher Leitartikel in der Weihnachtsausgabe der KVS-Mitteilungen angeboten. Ist doch gerade in der heutigen Zeit ein integratives Wirken eines Vorstandsvorsitzenden wichtiger denn je.

Aber selbst, wenn man die großen Fragen nicht angehen möchte, hätte es zahlreiche originäre Themen für das erste Editorial nach erfolgter Wiederwahl gegeben. Angesichts der aktuellen Lage vieler Praxen sind etwa Perspektiven, inwiefern die Kassenärztliche Vereinigung die Interessen ihrer Mitglieder zukünftig besser vertreten möchte, dringend notwendig.

Stattdessen lesen wir Ihre Ansichten zur Genderthematik und angeblich fehlenden Meinungsfreiheit bei uns. Abschließend fordern Sie das Publikum auf, ebenso mutig gegen den Zeitgeist zu kämpfen.

Glücklicherweise leben wir in einem Land, in dem alle ihre Meinung frei äußern können, solange der Boden des Grundgesetztes nicht verlassen wird. Gerade eine Demokratie lebt von der Vielfalt unterschiedlicher Ansichten. Auch Sie können Ihre Sicht auf die Dinge schildern, ohne dass Ihnen staatliche Repressalien drohen. Mut erfordert dies deshalb nicht. Mutig waren Menschen, die 1989 in der DDR auf die Straße gingen oder heute im Iran oder Russland für ihre Rechte kämpfen.

Es gehört auch Mut dazu, sich der eigenen Identität zu stellen, erstrecht wenn Ausgrenzungen und Diffamierungen drohen. Vor allem Jugendliche benötigen in einer solchen Konfliktsituation Akzeptanz und unsere Unterstützung. Um so wichtiger ist es, dass es staatlich geförderte Stellen gibt, welche die Sorgen und Probleme der Heranwachsenden ernst nehmen und ihre Fragen verständlich beantworten. Wünschenswert wäre auch, wenn Betroffene in jeder Praxis eine aufgeschlossene und wohlwollende Anlaufstelle finden würden. Ein Ziel, für das sich die Kassenärztliche Vereinigung einsetzen könnte.

Unsere Geschichte ist geprägt von gesellschaftlichem Wandel. Vieles sehen wir heute anders als vor fünfzig oder sechzig Jahren. Das ist auch gut so. Denn darin liegt unsere Chance auf Weiterentwicklung. Gesellschaftliche Themen lassen sich dabei ebenso wenig vorschreiben wie die Benutzung der Sprache. Es sind die Menschen, die über Genderfragen und Gleichberechtigung diskutieren. All dies ist Ausdruck der Meinungsfreiheit in unserem Land. An diesem Dialog kann sich die Kassenärztliche Vereinigung selbstverständlich beteiligen. Gewinnbringend sind Diskurse aber vor allem dann, wenn sie offen und mit gegenseitigem Respekt geführt werden.

In diesem Sinne laden wir Sie gern zu einem gemeinsamen Gedankenaustausch ein.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. med. Andreas Jenke

Dr. med. Katja Schimanke

Katharina Jamet-Romahn

Dr. med. Stefan Pursche